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Progressiver Knochenverlust – die unterschätzten Folgen von Implantatverlust

  • 5. Sept. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Sept. 2025

Einleitung


Implantatverlust nach zehn oder mehr Jahren wird in der Praxis oft als beherrschbares Einzelereignis angesehen. Doch neue Langzeitdaten zeigen dramatische Konsequenzen: Beim Verlust von Implantaten, die über ein Jahrzehnt in Funktion waren, kommt es häufig zu massivem periimplantärem Knochenabbau – teils bis zu zwei Drittel der Implantatlänge. Re-Implantationen in solchen kompromittierten Bereichen weisen deutlich reduzierte Erfolgsraten auf und erfordern meist aufwändige knöcherne Rekonstruktionen. In vielen Fällen steht der Patient nach Explantation schlechter da als vor der ersten Implantation. Im Folgenden werden vier zentrale Aspekte dieses Problems wissenschaftlich beleuchtet. Zur Einordnung der Evidenz sind zitierte Studien mit einem Ampelsystem markiert (🟢 methodisch hochwertig, 🟡 solide mit Einschränkungen, 🔴 potenziell bias-behaftet).



1. Progressive Verschlechterung:

 Massiver Knochenverlust nach >10 Jahren



Langzeituntersuchungen bestätigen, dass spät auftretende Implantatverluste meist mit gravierendem Knochenabbau einhergehen. Insbesondere periimplantäre Entzündungen (Periimplantitis) führen über Jahre zu fortschreitendem Knochenschwund. Eine aktuelle multizentrische Studie (Martin‐Cabezas et al. 2025) analysierte 521 Explantationen: Im Durchschnitt war rund 60 % der Implantatlänge an Knochen verloren, bevor die Entfernung erfolgte  . Mit anderen Worten: Bei vielen dieser spät verlorenen Implantate fehlten zwei Drittel des ursprünglich vorhandenen Knochenlagers. Dieses Ausmaß gilt als kritisch – jenseits von 66 % Knochenverlust ist laut Experten die Prognose für einen Implantaterhalt äußerst gering . Eine Periimplantitis-Therapie hat in solch fortgeschrittenen Stadien kaum Erfolgsaussicht, wodurch letztlich nur die Explantation als letzte Option bleibt . Wichtig ist zu betonen, dass dieser progressive Knochenabbau typischerweise schleichend über viele Jahre verläuft und klinisch lange unterschätzt werden kann. Regelmäßige radiologische Kontrollen sind daher essenziell, um frühzeitig einzugreifen, bevor die kritische Grenze erreicht ist.


Evidenz: Die erwähnte Studie von Martin-Cabezas et al. (2025) ist eine aktuelle retrospektive Multicenter-Untersuchung mit großer Fallzahl (🟢) . Die Befunde decken sich mit früheren Einzelberichten und Klassifikationen, die einen Knochenverlust >50–66 % der Implantatlänge als hoffnungslos einstufen . Kliniker sollten daher Implantate, die nach Jahren Anzeichen von fortschreitendem Knochenabbau zeigen, engmaschig überwachen und frühzeitig therapieren, um solche drastischen Verluste zu verhindern.



2. Re-Implantation erschwert:

 Erfolgsraten sinken mit jeder Neusetzen



Die Prognose von Implantaten an Stellen, an denen bereits ein Implantat verloren ging, ist signifikant reduziert. Zahlreiche Studien zeigen einen deutlichen Abfall der Überlebensraten bei Zweit- und Drittimplantationen im Vergleich zur Erstversorgung  . In einer systematischen Übersichtsarbeit (Zhou et al. 2016, 🟢) wurden für die erste Re-Implantation durchschnittlich noch ca. 89 % Überleben verzeichnet, während bei zweiter Re-Implantation im selben Areal nur noch rund 74 % erreicht wurden  . Einzelne Studien berichten sogar von Überlebensraten um 60 % beim dritten Versuch (z.B. Machtei et al. 2011, 🟡) . Selbst optimistische Analysen kommen für Zweitimplantate bestenfalls auf ~93 %, für Dritteingriffe auf ~85 % Erfolg . Eine Langzeit-Auswertung ergab zudem nur 71 % Gesamtüberleben für Implantate in zuvor fehlgeschlagenen Regionen (Grossmann & Levin 2007, 🟡) .


Diese Varianz zeigt: Mit jedem neuen Implantatversuch sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit. Hauptursachen sind das kompromittierte Empfängerlager (Narbengewebe, reduzierte Knochendichte/-menge) und oft persistierende ursächliche Risikofaktoren (z.B. unbehandelte Parodontitis oder systemische Faktoren)  . Wichtig ist jedoch auch festzuhalten, dass die Erfolgsraten der Re-Implantationen immer noch relativ hoch sind und einen neuen Versuch in vielen Fällen rechtfertigen . Jeder weitere Eingriff muss aber kritisch geplant und dem Patienten gegenüber prognostisch zurückhaltend bewertet werden. Eine realistische Aufklärung sollte darauf hinweisen, dass das Verlustrisiko bei erneuter Implantation erhöht ist und alternative Versorgungsoptionen (Brücke, Prothese) abhängig von der individuellen Situation erwogen werden sollten.



3. Extensive Rekonstruktion nötig:

 Augmentation fast immer erforderlich



Nach Explantation eines lange integrierten Implantats ist der Knochenbestand in der Region meist unzureichend, um sofort wieder ein Implantat sicher zu verankern. Die entfernten Implantate hinterlassen – insbesondere nach Periimplantitis-bedingtem Verlust – knöcherne Defekte, die ohne Aufbaumaßnahmen keine ausreichende Primärstabilität für ein neues Implantat bieten . In der Praxis bedeutet dies: Knochenaugmentationen sind beinahe immer nötig, entweder als mehrzeitige Aufbauphase vor der Re-Implantation oder simultan mit der Implantatsetzung unter Verwendung von Knochenersatzmaterial und Membrantechnik.


Eine Fachpublikation fasst zusammen: Bei der Mehrzahl der fehlgeschlagenen Implantatstellen ist es ratsam, nach Explantation zunächst 2–3 Monate abheilen zu lassen und dann mit einem augmentativen Eingriff das Defizit zu rekonstruieren, bevor ein neues Implantat gesetzt wird . Oft müssen sowohl Hart- als auch Weichgewebe korrigiert werden, um wieder ein adäquates Implantatlager herzustellen  . Selbst in scheinbar „sauberen“ Versagensfällen (z.B. frühzeitiges Versagen ohne Infektion) empfiehlt sich eine kritische Defektbeurteilung: In vielen Fällen zeigt sich ein versteckter Substanzverlust, der durch geführte Knochenregeneration (GBR) behoben werden sollte, um das Langzeitergebnis des zweiten Implantats zu verbessern .


Evidenz: Klinische Leitfäden und Übersichtsarbeiten stufen die Notwendigkeit von Augmentationen nach Implantatverlust als hoch ein (🟢). So wird berichtet, dass ein „Großteil“ aller Re-Implantationen vorbereitende Knochenaufbauten benötigt . Verbleibende Wandstrukturen (Socket bzw. Restalveole) sollten nach Explantation genau inspiziert werden. Nur wenn ein Defekt minimal ist und weder Infektion noch Weichgewebsmangel vorliegen, kann im Ausnahmefall auf Augmentation verzichtet und ggf. eine Sofort-Reimplantation erwogen werden . In der Regel jedoch gilt: Ohne rekonstruktive Vorarbeit keine erfolgreiche Re-Implantation. Dies erhöht Aufwand, Behandlungsdauer und Kosten deutlich – Aspekte, die in die Therapieplanung und Patientenaufklärung einfließen müssen.



4. „Worse off“-Phänomen:

 Schlechtere Ausgangslage nach Explantation



Der Begriff „worse off“ beschreibt, dass Patienten nach Explantation letztlich schlechter gestellt sind als vor der Erstimplantation. Tatsächlich führt der Verlust eines Implantats häufig zu einem anatomischen und funktionellen Rückschritt. War initial vielleicht „nur“ ein Zahn verloren, fehlt nach Explantation oft zusätzlich erhebliches Knochenvolumen. Durch die katastrophalen Knocheneinbrüche, die mit spät versagenden Implantaten einhergehen können, ist die Ausgangslage für jegliche Folgeversorgung kompromittiert . Barrak (2023) beschreibt, dass Implantat-Misserfolge trotz insgesamt niedriger Inzidenz zu der paradoxen Situation führen können, dass der Patient schließlich schlechter dasteht als vor Therapiebeginn .


Dieses Phänomen lässt sich klinisch täglich beobachten: Nach Explantation ist der Kieferkamm vielfach horizontal und vertikal reduziert, die Schleimhaut narbig und dünn. Die Restitutio ad integrum ist schwierig – umfangreiche Augmentationen werden nötig (siehe Punkt 3), um überhaupt wieder auf das Ausgangsniveau zu kommen. Manchmal lassen sich die ursprünglich prothetischen Ziele (etwa festsitzende Lösungen) nicht mehr realisieren, wenn z.B. trotz Aufbau der Knochen nicht ausreichend oder die Weichgewebssituation ungünstiger ist als initial. Patienten sind dann im wahrsten Sinne des Wortes schlechter dran als vor der Implantatversorgung. Dieses Risiko wird in Aufklärungsgesprächen bislang oft unterbetont. Für eine realistische Erwartungssteuerung sollte jedoch klar kommuniziert werden, dass ein fehlgeschlagenes Implantat mehr Schaden anrichten kann, als der ursprüngliche Zahnverlust je hatte. Prävention von periimplantären Komplikationen und sorgfältige Indikationsstellung gewinnen vor diesem Hintergrund noch mehr an Bedeutung.



Zirkonimplantate: Bessere Ergebnisse unter diesen Bedingungen?



Angesichts der dargelegten Problematik stellt sich die Frage, ob Implantate aus Zirkoniumdioxid (Keramik) im Falle von Re-Implantationen oder bei periimplantärer Vorgeschichte bessere Resultate liefern. Zirkonimplantate werden von Herstellern als periimplantitis-resistente Alternative beworben, da laborexperimentell und in Tiermodellen weniger Plaqueanhaftung und Entzündungsreaktion im Vergleich zu Titan beobachtet wurden. Erste klinische Studien untermauern tatsächlich einen geringeren Biofilm und weichgewebliche Entzündung an Zirkonoberflächen: In einem RCT-Versuch mit experimenteller Mukositis blieben an Zirkonimplantaten die Blutungsindices niedriger als an benachbarten Titanimplantaten (Bienz et al. 2021, 🟢) . Auch die Plaqueakkumulation war im selben Setting bei Zirkon signifikant reduziert  . Solche Befunde deuten an, dass Zirkonimplantate unter vergleichbaren Belastungen möglicherweise langsamer oder weniger stark periimplantäre Entzündungen entwickeln.


In Bezug auf Langzeiterfolg und Knochenstabilität zeigen aktuelle Daten jedoch noch kein eindeutig überlegenes Bild für Keramik. Mittelfristig (5–10 Jahre) erreichen Zirkonimplantate zwar hohe Überlebensraten um 90–95 % und sehr geringe durchschnittliche Knochenniveauverluste – vergleichbar mit Titanimplantaten  . Ein systematischer Review von Pieralli et al. 2017 berichtet beispielsweise über kumulative 5-Jahres-Erfolgsraten im hohen 90 %-Bereich für moderne Zirkonimplantate (🟢). Allerdings fehlen belastbare Studiendaten für Zeiträume jenseits von 10 Jahren. Zudem traten in einigen Untersuchungen komplikationsbedingt auch Verluste bei Zirkonimplantaten auf – etwa durch Frakturen oder periimplantäre Infektionen – was die Erfolgschancen in schwierigen Fällen relativiert . In einer Metaanalyse zeigten Zirkonimplantate tendenziell keine bessere Überlebensrate als Titanimplantate, teils sogar etwas niedriger  .


Fazit: Aktuell gibt es keinen klaren Beleg, dass Zirkonimplantate in bereits vorbelasteten, knochenreduzierten Arealen signifikant bessere Ergebnisse erzielen. Sie könnten potentiell von Vorteil sein, wenn eine Periimplantitis-Historie vorliegt, da weniger Plaqueinduzierte Entzündung begünstigt wird. Die Entscheidung für Zirkon sollte jedoch individuell und unter Abwägung anderer Faktoren (Prothetik, Bruchfestigkeit, Herstellerdaten) erfolgen. Weitere unabhängige Langzeitstudien sind nötig, bevor Keramikimplantate als generelle Lösung für das Periimplantitis-Problem gelten können . Bis dahin bleibt die konsequente Prophylaxe und frühzeitige Therapie periimplantärer Entzündungen der wichtigste Ansatz, um den beschriebenen Teufelskreis aus Implantatverlust, Knochenabbau und schwieriger Wiederherstellung zu durchbrechen.



Literatur



  1. Martin-Cabezas R, Cionca N, Giannopoulou C. Assessment of Residual Bone Level Around Explanted Implants and Description of the Systemic and Local Characteristics. Clin Oral Implants Res. 2025; 36(10): ePub ahead of print. DOI: 10.1111/clr.70004. – 🟢 Unabhängige multizentrische Studie; zeigt ∅ 60 % Knochenverlust bei Explantation  .

  2. Zhou W, Wang F, Monje A, et al. Feasibility of Dental Implant Replacement in Failed Sites: A Systematic Review. Int J Oral Maxillofac Implants. 2016; 31(3): 535-545. – 🟢 Systematische Übersichtsarbeit; Zweit-Implantat Überleben 88,8 %, Drittrunde 74,2 %  .

  3. Machtei EE, Horwitz J, Mahler D, et al. Third attempt to place implants in sites where previous surgeries have failed. J Clin Periodontol. 2011; 38(2): 195-198. – 🟡 Fallserie; berichtet stark reduzierte Überlebensrate (~60 %) beim dritten Implantationsversuch .

  4. Mardinger O, Ben Zvi Y, Nissan J, et al. A retrospective analysis of replacing dental implants in previously failed sites. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol. 2012; 114(3): 290-293. DOI: 10.1016/j.tripleo.2011.07.010. – 🟡 Retrospektive Analyse; Zweitimplantate ~93 %, Drittimplantate ~85 % erfolgreich .

  5. Grossmann Y, Levin L. Success and survival of single dental implants placed in sites of previously failed implants. J Periodontol. 2007; 78(9): 1670-1674. – 🟡 Einzelstudie; zeigt nur 71 % Überleben in vorbelasteten Implantat-Seiten .

  6. Barrak FN. Why implants fail? Fac Dent J. 2023; 15(1): 19-22. DOI: 10.1308/rcsfdj.2024.8. – 🟡 Übersichtsartikel; beschreibt „worse off“-Phänomen und drastischen Knochenverlust bei Implantatversagen .

  7. Bienz SP, Hilbe M, Hüsler J, et al. Clinical and histological comparison of the soft tissue morphology between zirconia and titanium implants under healthy and experimental mucositis conditions – A RCT. J Clin Periodontol. 2021; 48(5): 721-733. – 🟢 Randomisierte klinische Studie; zeigt geringere Plaque-/Blutungsneigung an Zirkonimplantaten bei Entzündungsprovokation  .

  8. Pieralli S, Kohal RJ, Jung RE, et al. Clinical outcomes of zirconia dental implants: A systematic review. J Dent Res. 2017; 96(1): 38-46. – 🟢 Systematischer Review; bestätigt hohe mittelfristige Erfolgsraten von Zirkonimplantaten, jedoch noch limitierte Langzeitdaten.

  9. Rodriguez AE, Monzavi M, Yokoyama CL, Nowzari H. Zirconia dental implants: A clinical and radiographic evaluation. J Esthet Restor Dent. 2018; 30(6): 538-544. – 🟡 Klinische Studie; berichtet ~92 % Erfolg nach durchschnittlich 3 Jahren, mit niedrigen Entzündungsindizes (Plaque, BOP) an Zirkonoberflächen.


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